Pressemitteilung (PDF)  

In Baden-Württemberg profitieren nur 11,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen unter 15 Jahren im Hartz-IV-Bezug

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg und VAMV fordern Kindergrundsicherung                                                                              

Stuttgart/Berlin 12.11.2020    In Baden-Württemberg profitieren nur 11,2 Prozent der Kinder und Jugendlichen vom Bildungs- und Teilhabepaket. Das ist ein Rückgang von 1,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr (12,2 Prozent). Dazu kommen große regionale Unterschiede bei der Teilhabequote mit einem Höchstwert von 61,5 Prozent im Rems-Murr-Kreis, 8,8 Prozent in Stuttgart und dem niedrigsten Wert in Pforzheim von 2,9 Prozent. Das ergibt die aktuelle Paritätische Expertise zum Bildungs- und Teilhabepaket. Der Verband fordert die Einführung einer bedarfsgerechten, einkommensabhängigen Kindergrundsicherung und die Einführung eines Rechtsanspruchs auf Angebote der Jugendarbeit im Kinder- und Jugendhilfegesetz.

„Es ist erschreckend, wie wenig das Bildungs- und Teilhabepaket bei den Familien im Land ankommt und wie groß der Unterschied in den Regionen ist“, erklärt Ursel Wolfgramm, Vorstandsvorsitzende des PARITÄTISCHEN Baden-Württemberg. Nicht in allen Kommunen gebe es ausreichende Beratungsstrukturen und Hilfestellungen über mögliche Leistungen aufzuklären und bei der Antragstellung zu helfen. Bei Eltern mit Migrationshintergrund scheitere es an Sprachbarrieren. „Das Bildungs- und Teilhabepaket ist kein wirksames Mittel gegen Kinderarmut. „Wir brauchen eine bedarfsgerechte, einkommensabhängige Kindergrundsicherung, in der Kindergeld, Kinderzuschlag, Bildungs- und Teilhabepaket sowie Kinderfreibetrag in einer Leistung zusammengeführt werden“, so Wolfgramm. Das bürokratische Nebeneinander von Transferleistungen, die auch noch gegen andere Sozialleistungen in Abzug gebracht werden, müsse ein Ende haben. „Die Kindergrundsicherung ist ein wichtiger Schritt für mehr Teilhabe- und Bildungsgerechtigkeit, von der alle Kinder und Jugendlichen im Land gleichermaßen profitieren“, so Wolfgramm. Auch sei ein

Schulterschluss der Verantwortlichen in der Bildungs- und der Sozialpolitik erforderlich. „Wir müssen das Problem Armut durch bessere Bildungschancen an der Wurzel packen. Dazu sind strukturelle Veränderungen im Bildungssystem erforderlich wie längeres gemeinsames Lernen, ein enges Miteinander von Schule, Elternhaus und auch Jugendhilfe sowie einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Dazu ist es dringend erforderlich, die Kooperation von Jugendhilfe und Schule durch eine landesweite Vereinbarung verbindlich und umfassend zu regeln“, so die Vorstandsvorsitzende weiter. Dazu gehörten auch klare finanzielle Rahmenbedingungen, die den Qualitätsstandards und der Professionalität freier Träger gerecht würden.

„Alleinerziehende haben das höchste Armutsrisiko aller Familienformen. Das benachteiligt die betroffenen Kinder und schränkt die Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Teilhabe ein“, sagt Brigitte Rösiger, Geschäftsführerin vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter VAMV Landesverband Baden-Württemberg e.V.. Die Sozialleistungen sollten das eigentlich kompensieren, fielen aber zu gering aus, um ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. „Statt bedarfsabhängiger Bildungs-und Teilhabeleistungen müssen die Kosten für gesellschaftliche Teilhabe pauschal im Kinderregelsatz berücksichtigt werden“, fordert Rösiger weiter. Die bestehenden Leistungen seien teils schlecht aufeinander abgestimmt und höben sich durch gegenseitige Anrechnungen auf. Der Hartz IV-Regelsatz für die Kinder von Alleinerziehenden könne sogar noch um Umgangstage gekürzt werden. Auch sei die Beantragung für arme Familien zeit- und kraftraubend, denn die Voraussetzungen für einen Leistungsanspruch seien komplex und schwer zu verstehen, so Rösiger.

Pressekontakt Verband alleinerziehender Mütter und Väter VAMV Landesverband Baden-Württemberg e.V.: Brigitte Rösiger, Geschäftsführerin, Tel.  0711 2484 7118, E-Mail: vamv-bw@web.de.

Wichtiger Hinweis an die Redaktionen:

Die Expertise „Empirische Befunde zum Bildungs- und Teilhabepaket 2020: Teilhabequoten im Fokus“ steht zum Download bereit unter: https://www.der-paritaetische.de/publikationen/expertise-empirische-befunde-zum-bildungs-und-teilhabepaket-teilhabequoten-im-fokus-1/

Zur Pressemitteilung des Paritätischen Gesamtverbandes https://www.der-paritaetische.de/presse/bildungs-und-teilhabepaket-paritaetische-expertise-zeigt-dass-teilhabeleistungen-nur-jedes-siebte/

Der PARITÄTISCHE Baden-Württemberg ist einer der sechs anerkannten Spitzenverbände der freien Wohlfahrtspflege. Er ist weder konfessionell, weltanschaulich noch parteipolitisch gebunden. Mit seinen Handlungsmaximen Vielfalt, Offenheit und Toleranz steht der Verband für Solidarität, soziale Gerechtigkeit und Teilhabe und wendet sich gegen jegliche Form sozialer Ausgrenzung. Ihm sind in Baden-Württemberg über 880 selbstständige Mitgliedsorganisationen mit insgesamt rund 4.000 sozialen Diensten und Einrichtungen angeschlossen sowie rund 40.000 freiwillig Engagierte. Weitere Infos unter www.paritaet-bw.de

Der Verband alleinerziehender Mütter und Väter e.V. (VAMV) vertritt seit 1967 die Interessen der Alleinerziehenden in Baden-Württemberg. Der VAMV fordert die Aner­kennung von Einelternfamilien als gleichberechtigte Lebensform und entspre­chende gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Er tritt für eine verantwortungsvolle gemeinsame Elternschaft auch nach Trennung und Scheidung ein. Der VAMV-Landesverband unterstützt Alleinerziehende durch Information, professionelle Beratung und engagierte Lobbyarbeit. Weitere Infos unter  http://www.vamv-bw.de